Konzept


1.
Das Gegenwartstheater mit dem Denken Theodor W. Adornos zu konfrontieren, mag zunächst kurios erscheinen: spielt Theater doch im Denken des Philosophen auf den ersten Blick eine marginale Rolle. Der Sammelbegriff Kunst verweist in Adornos Fall vor allem auf die Gattungen Musik und Literatur (und deren bürgerlichen Werkkanon). Adorno bleibt gerade derjenigen Vorstellung von Theater verhaftet, die heute zunehmend problematisch geworden ist: Theater als Aufführung dramatischer Werke. Jedoch besitzen Adornos Art und Weise Kunstproduktion und -rezeption zu denken und seine Versuche, sie vom Falschen der Gesellschaft abzusetzen auch heute noch Sprengkraft. Adornos ästhetisches Denken betrifft damit nicht nur Theater oder Kunst allein; es ist in all seinen Aporien vielmehr kritische Analyse, emphatische Forderung und – nicht zuletzt – verhüllte Utopie anderen Lebens. In seiner ÄSTHETISCHEN THEORIE haben Philosophie und Kunst, als voneinander unterschiedene Praktiken, ein- und dieselbe Wahrheit: eine negative Wahrheit über die Gesellschaft. Theater wäre als ein Schauplatz dieser Konvergenz zu beschreiben.

2.
Seit mehreren Jahren lässt sich beobachten, wie sich in der deutschen Theaterlandschaft ein Wandel vollzieht, der sowohl das institutionelle Gefüge als auch die Produktions- und Rezeptionsformen von Theater betrifft. Nicht nur die zunehmenden Einsparungen im Kulturbereich, auch die Entwicklungen im Bereich neuartiger sozialer und medialer Netze stellen kulturelle Praktiken wie das Theater in Frage: Seine Stellung in der Öffentlichkeit wie auch seine eigene Öffentlichkeit sind prekär geworden. Zur gleichen Zeit vollzieht sich eine immer stärkere Verflechtung von sogenannter „freier“ Kulturszene und dem etablierten „Berufstheater“. Nicht nur entstehen dadurch neue künstlerische Formate und Arbeitszusammenhänge, auch die Vorstellung von Theater entgrenzt und verändert sich weiterhin – und damit seine Institutionen.

3.
Im einem grundlegenden Sinn wäre Theater als ein von Menschen geteilter Raum zu beschreiben, in dem durch bewusstes oder unbewusstes, aber stets gemeinsames Aushandeln Denken und Körper Konstellationen bilden. Es ist gerade die Situation des Theaters, in dem immer schon Kunst, Philosophie und Gesellschaft (zentrale Bezugspunkte der kritischen Theorie Adornos) aufeinander treffen und in spannungsvolle Verhältnisse treten. Die Figur des Theatralen wird auf diese Weise sowohl für Adornos ästhetisches Denken zu einem impliziten Topos; zugleich kann dieses ästhetisches Denken für künstlerische und politische Fragen des gegenwärtigen Theaters produktiv gemacht werden und helfen, dessen gesellschaftliche Dimension freizulegen. In diese beide Richtungen soll eine Diskussion um einen neuartigen Theater-Raum eröffnet werden.

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